Interview

Die Schatzkiste – eine besondere Kontaktbörse

Wer an klassische Jobs in der Diakonie Michaelshoven denkt, dem fällt der Altenpfleger, Erzieher und Sozialpädagoge ein. Julia Wefelnberg hingegen hat einen ganz besonderen Job: Sie bringt Singles zusammen. Die 31-jährige Sozialarbeiterin betreut seit 2018 die Schatzkiste, eine Kontakt- und Partnervermittlung für Menschen mit einer Behinderung. Schon seit 2004 gibt es dieses Angebot in der Diakonie Michaelshoven. Entstanden ist die Idee in Hamburg, die Schatzkiste wird in einigen Städten angeboten.


Wer kann sich bei der Schatzkiste melden?

Das Angebot der Schatzkiste richtet sich an erwachsene Menschen mit einer Behinderung. Die meisten Klienten in der Kartei haben eine kognitive Einschränkung, es gibt aber auch Menschen mit Körperbehinderungen, psychischen Behinderungen oder Sinnesbehinderungen. Viele Interessenten, die zu mir kommen, haben ihr Glück oft schon bei anderen Datingportalen versucht und dort entweder schlechte Erfahrungen gemacht oder keinen Erfolg gehabt. Auch sind diese Vermittlungen oft kostspielig. Die Schatzkiste hingegen ist kostenfrei und bietet einen gewissen Schutzraum, da nicht sofort Kontaktdaten ausgetauscht werden können.

Wie genau gehen Sie vor?

Die erste Anfrage kommt meistens per Telefon oder E-Mail. Dann machen wir einen Termin für ein Aufnahmegespräch in meinem Büro in der KoKoBe (Koordinierungs-, Kontakt- und Beratungsstelle für Menschen mit Behinderung) in der Südstadt aus. Die meisten Klienten kommen in Begleitung einer Vertrauensperson zu dem Gespräch, da viele sehr aufgeregt sind und nicht wissen, was sie erwartet. Zum entspannten Ankommen biete ich dann erst einmal einen Kaffee und Plätzchen an, und wir plaudern etwas. Ich frage dann trotzdem immer nochmal nach, ob die andere Person bei dem Gespräch dabei sein soll oder nicht, da es natürlich um sehr private und intime Informationen geht. Dann lege ich eine Kartei am PC an, mit allen relevanten Infos, wie Alter, Wohnort, Hobbys und auch persönliche Vorstellungen des zukünftigen Partners. Und ich mache noch ein Foto.  

Die Schatzkiste hingegen ist kostenfrei und bietet einen gewissen Schutzraum, da nicht sofort Kontaktdaten ausgetauscht werden können.

Julia Wefelnberg

Wie geht es dann weiter?

Wenn ich zwei passende Profile finde, dann bekommen die Beiden einen Steckbrief und ein Foto zugeschickt. Wenn beide Interesse haben sich kennenzulernen, dann geben sie mir eine Rückmeldung. Ich begleite dann auf Wunsch hin das erste Date. Dies wird sehr gerne in Anspruch genommen. Es ist ja quasi ein „Blinddate“ und für viele sehr aufregend. Man weiß ja nicht, wer erwartet einen, ist nervös und was soll man bloß sagen? Wenn ich dann bei dem Date merke, dass die beiden gut ohne mich klarkommen, ziehe ich mich natürlich sofort zurück. Ich helfe nur das Gespräch in Gang zu bringen, wenn es auch wirklich notwendig bzw. gewünscht ist.

Wollen sich beide nach dem ersten Treffen weiter kennenlernen, können die Kontaktdaten ausgetauscht werden. Dies soll eine gewisse Sicherheit bieten. Weitere Treffen begleite ich dann nur bei Bedarf, meistens kommen sie dann auch gut ohne mich zurecht. Es kommt aber immer mal wieder vor, dass in der Beziehung Konflikte entstehen, bei denen meine Unterstützung benötigt wird. Dabei helfe ich dann auch gerne und wir setzen uns zusammen und versuchen Lösungen zu erarbeiten. Auch bei Trennungen musste ich schon unterstützen und diese moderieren. Das ist dann natürlich nicht so schön, gehört aber genauso zur Liebe dazu.  

Bieten Sie noch andere Möglichkeiten an, um jemanden kennenzulernen?

Regelmäßig bieten wir Veranstaltungen an, wie Single-Partys, Kinoabende oder die „Schwatzkiste“, eine lockere Stammtischgruppe zum näheren Kennenlernen. In diesem Jahr biete ich erstmalig einen Mitsing-Abend mit Liebesliedern an.

Auch das Schalten einer Kontakt- oder Freizeitanzeige in dem Kölner Freizeitmagazin der KoKoBe unterstütze ich und da läuft es ähnlich, wie bei der Partnervermittlung ab. Antworten auf abgedruckte Anzeigen werden an mich per Post geschickt, und ich leite diese dann an die entsprechenden Personen weiter. Wenn beide sich kennenlernen wollen, dann begleite ich gerne das erste Treffen. Erst danach können auf Wunsch Kontaktdaten ausgetauscht werden.

Derzeit befinden sich etwas mehr als 300 Menschen in der Schatzkistenkartei. Die Nachfrage nach Aufnahmegesprächen ist zurzeit sehr hoch.

Julia Wefelnberg

Gibt es viele Anfragen?

Derzeit befinden sich etwas mehr als 300 Menschen in der Schatzkistenkartei. Die Nachfrage nach Aufnahmegesprächen ist zurzeit sehr hoch und ich bin oft schon für die nächsten Wochen mit Terminen ausgebucht. Der Männeranteil in der Kartei ist sehr viel höher als der Frauenanteil, deshalb geht es bei der Vermittlung von Frauen oft viel schneller.

Über die Schatzkiste lernten sich vor elf Jahren Ghennet und Markus Rein kennen. Sie sind das erste Paar, das geheiratet hat. Beide sehnten sich nach der großen Liebe. Als beide dann einen Brief mit einem Steckbrief und einem Foto des anderen erhielten, haben sie erst mal miteinander telefoniert. Die Gespräche wurden immer länger und persönlicher. Ein erstes Treffen wurde ausgemacht. Seitdem sind sie ein glückliches und unzertrennliches Paar.

Mehr Informationen zur Schatzkiste finden Sie hier.

Die Diakonie Michaelshoven bietet auch Menschen mit psychischen Erkrankungen eine Partnervermittlung an.

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