Interview

Nicht ohne Mitarbeitendenvertretung!

Seit 29 Jahren ist Antje Baumkemper im Unternehmen, davon 15 Jahre mit vollem Herzblut für die Mitarbeitendenvertretung. Sie ist Juristin und Vorsitzende der Gesamtmitarbeitendenvertretung (GMAV) sowie Mitarbeitendenvertretung der Kinder- und Jugendhilfen. Wir haben über „Schlüsselmomente“, dicke Lastenräder und die anstehenden Wahlen gesprochen.

Antje, du bist seit fast drei Jahrzehnten dabei. Wie kam es eigentlich dazu, dass du dich für die MAV engagieren wolltest?

Ich habe 1997 im Gertrud-Bäumer-Haus angefangen. Der Schlüsselmoment ist eigentlich immer dann, wenn man das Gefühl hat: Hier läuft was schief, da müssen wir drüber reden. Damals ging es um systematische Eingruppierungen oder nicht vergütete Mehrarbeit. An der Stelle kann die MAV aktiv werden.

MAV, Betriebsrat, Personalrat – da blicken viele nicht durch. Wo ist der Unterschied?

Ganz einfach gesagt, die MAV ist die Vertretung auf kirchlicher Ebene. Der Betriebsrat ist die Vertretung in der „Außenwelt“ und den Personalrat findet man in öffentlichen Einrichtungen. Inhaltlich wollen wir alle das gleiche: Das Beste für die Mitarbeitenden herausholen. Von den Grundlagen sind wir etwas eingeschränkter. Wir arbeiten auf Basis des Mitarbeitendenvertretungsgesetzes (MVG). Und das Charmante ist, das sieht uns nicht als Kontrahenten zur Geschäftsführung, sondern als Partner. Das finde ich nach 29 Jahren eine gute Sache. Gegeneinander kostet nur Kraft und ist nicht zielführend.

Was landet denn konkret auf eurem Tisch?

Wir haben im Prinzip drei große Säulen, die unsere Arbeit tragen. Da sind zum einen alle formalen Personalangelegenheiten. Jede Einstellung geht über unseren Tisch, wir schauen uns an, ob Vorerfahrungen richtig erfasst wurden oder ob wir noch Rückfragen an die Personalabteilung haben. Das betrifft aber auch alles im laufenden Betrieb, also wenn jemand die Arbeitszeit verkürzen oder erhöhen möchte, wenn Versetzungen anstehen oder jemand nach der Elternzeit mit reduzierten Stunden zurückkehren will.

Der zweite, fast wichtigere Bereich ist die Beratung an sich. Da geht es um die Einzelnen. Kolleginnen kommen zu uns, weil sie vielleicht ein Problem in ihrer Wohngruppe haben, sich woandershin bewerben möchten oder ganz schlichte Fragen haben: Wie viel Urlaub habe ich eigentlich? Kann ich mich freistellen lassen, um meine Mutter zu versorgen? Das sind oft Fragen, die man nicht direkt der vorgesetzten Person stellen möchte. Wir beraten auch in echten Krisensituationen, etwa wenn eine Abmahnung im Raum steht; da sind wir bei den Gesprächen gerne dabei. Wir gehen auch direkt in die Teamsitzungen, nehmen Anregungen mit und hören zu, wo der Schuh drückt.

Und die dritte Säule ist schließlich der strategische Kontakt mit der Geschäftsführung oder dem Vorstand. Da schauen wir gemeinsam: Müssen wir neue Angebote entwickeln? Wo brauchen wir Dienstvereinbarungen, um Dinge zu regeln, die bisher offen sind? So sind zum Beispiel unsere Regelungen zu den Zeitwertkonten, zum Bike-Leasing oder ganz aktuell zur Nutzung von KI entstanden. Das sind die Themen, die wir auf der übergeordneten Ebene besprechen, um das Unternehmen als Ganzes weiterzuentwickeln.

MAV Vorsitzende Antje Baumkemper hält wichtige Gesetzesbücher
MAV Vorsitzende Antje Baumkemper hält wichtige Gesetzesbücher
MAV Vorsitzende Antje Baumkemper hält wichtige Gesetzesbücher

Du hast die stationäre Jugendhilfe selbst erlebt. Verändern sich die Themen über die Jahre?

Definitiv. Der Fachkräftemangel ist ein Riesenthema. Wir müssen uns fragen: Was brauchen junge Leute heute? Aber auch: Wie entlasten wir die Älteren? Die Belastungsstruktur gerade in den Wohngruppen hat sich extrem verschärft, die Problematiken sind multipler geworden. Da müssen wir gemeinsam mit der Geschäftsführung ran – Stichwort psychische Gefährdungsbeurteilung.

Haben die Kolleginnen und Kollegen denn genug Vertrauen, zu euch zu kommen?

Im Regelfall ja, aber wir wünschen uns das manchmal noch mehr! Wir sagen oft: „Mensch, wärst du doch schon vor einem Jahr gekommen.“ Ich muss aber sagen, dass der Kontakt zur MAV bei uns auch von den Leitungskräften gefördert wird. Es gibt kein „Gegeneinander“, und das macht es den Leuten einfacher, die Tür zu uns aufzumachen.

Ein schönes Beispiel für Mitgestaltung: Beim Leasing-Rad hatten wir eine Preisobergrenze im Kopf. Dann kam ein Kollege und sagte: ‚Ich brauche aber ein Lastenrad, das kostet mehr!‘ Stimmt, hatten wir nicht auf dem Schirm – also wollen wir schauen, dass die Summe erhöht werden kann. Solche Rückmeldungen sind extrem wichtig für uns.“

Nun stehen wieder Wahlen an. Was ist dein Wunsch für die nächsten Jahre?

Erstens: Dass wir weiterhin vertrauensvoll zusammenarbeiten, denn die Zeiten werden durch knappe Kommunalkassen nicht einfacher. Und zweitens: `Geht wählen!`Bitte. Eine MAV braucht ein starkes Votum, um ernst genommen zu werden. Es ist ein Vertrauensvorschuss für unsere Arbeit.

Und wenn man selbst Lust hat, sich zu engagieren?

Traut euch! Man muss keine Vorerfahrungen haben. Zuverlässigkeit, Schweigepflicht und Empathie sind wichtig. Es ist eine tolle, interessante Arbeit. Man lernt viel über Arbeitsrecht, Gesundheitsschutz und Öffentlichkeitsarbeit. Und man hat auch einen gewissen anderen Kündigungsschutz als Mitarbeitendenvertretung, damit man unabhängig agieren kann. 

Hand aufs Herz: Muss man als MAV-Vorsitzende eigentlich streitlustig sein?

(Lacht): Ich habe das entwickelt. Ich gehe heute in jede Diskussion rein, aber immer respektvoll. Jemanden mit dem Rücken an die Wand zu stellen, bringt nichts. Aber ja, ich kann auch „raushauen“, wenn es sein muss. Auch wenn ich dabei meistens ruhig bleibe.

Und zum Abschluss… Kommt auf einen Kaffee vorbei und löchert uns mit Fragen.

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